Manchmal begegnet man Menschen, die einen augenblicklich faszinieren. Tion gehört ohne Einschränkung zu diesen Personen.
Tion begegnete ich in Abemama, einer sogenannten „Outer Island“ im Norden des Landes. Unser erstes Kennenlernen war bemerkenswert – bemerkenswert leise, aufmerksam und interessiert. Als erstes fielen mir die tiefen Furchen in seinem Gesicht auf, später merkte ich, dass seine raue Stimme hervorragend zu diesem Gesicht passte. Es ging eine Aura von ihm aus, die mich gleichzeitig erschaudern ließ und dermaßen faszinierte, dass ich meinen Blick nicht von ihm wenden konnte. Sein Körper sprach von harter Arbeit, selbst in seinem hohen Alter jenseits der 60 – ein Alter, das in Kiribati nur die wenigsten erreichen – zeichneten sich deutlich sichtbar Muskeln an seinen Arm- und Schulterpartien ab.

Er hielt meinem Blick stand, ja musterte gar auch mich mit einer Mischung aus innerer Ruhe und unverhohlener Neugierde. Direkte Kommunikation beschränkte sich auf Grund meiner zu diesem Zeitpunkt noch sehr unausgereiften Sprachkenntnisse auf ein absolutes Minimum, mit Händen und Füßen dankte ich ihm für seine Gastfreundschaft. Obwohl ich lediglich seinen Enkel kannte, durfte ich einige Nächte in seinem Haus verbringen. Ebendieser Enkel erzählte mir später, dass Tion ihm und seinem Bruder alles Wissenswerte über den Fischfang mit Netzen, das Anritzen von Kokosnussbäumen, den Bau von Mwaneabwas und allen weiteren kiribatischen Traditionen vermittelt hat.
Das im Gegenlicht kurz vor Sonnenuntergang entstandene Titelbild fängt für mich genau die geheimnisvolle Aura eines starken alten kiribatischen Mannes ein, der die Tradition für die neuen Generationen bewahrt hat.